Zeugin der Verteidigung

die Frankfurter Allgemeine Zeitung
March 16, 2011
Felicitas von Lovenberg

Eine Gerichtsreportage aus der heissen Phase des Kalten Krieges: Zum hundertsten Geburtstag der grossartigen Sybille Bedford beschert uns ihr Verlag ein unbekanntes Werk aus dem London der „Swinging Sixties”.

Sommer war ihre liebste Jahreszeit. Wie man mit Hitze umgeht, hatte die in Spanien gezeugte, am 16.Marz 1911 in Berlin geborene, im Iändlichen Baden aufgewachsene und in London zur Ruhe gekommene Welten­bummlerin an prägenden Lebensstationen in Südfrankreich, Kalifornien und Mexiko gelernt. Und ein Verständnis für die euphorisierende, stimmungsaufhel­lende Wirkung, die Wärme und intensi­ve Sonneneinstrahlung zumal auf in dieser Hinsicht ungeübte britische Gemüter haben können war für die Beurteilung der Ereignisse, die im heissen englischen Sommer 1961 zu jenen Verquickungen führten die als die Profumo-Affäre in die britische Justiz-, Politik- und Mentali­tätsgeschichte eingehen sollten, wesentlich. Ebenso wichtig war die vorurteilslose und vor allem neidfreie Betrachtung des Sexlebens anderer Leute, wozu Sybil­le Bedford bereits in jungen Jahren dank ihrer unkonventionellen, bildschönen Mutter and später durch Vorbilder and Freunde wie Cyril Connolly, W.H. ­Auden, Aldous Huxley oder Martha Gellhorn einige Gelegenheit hatte. Das Verständnis für die Wirkung on Rausch­mitteln im Allgemeinen und hervorragenden französischen Gewächsen im Be­sonderen verdankte sie zunächst ihrem Herrn Papa, dem versponnenen badi­schen Baron Maximilian von Schoene­beck, der mehr auf einen gut gefüllter Weinkeller als auf einer repräsentativen Schlossbetrieb hielt.

Nimmt man zu alldem noch Eigen­schaften wie Unabhängigkeit, Neugier, Meinungsstärke, Charisma, Gerechtig­keitssinn. Weltläufigkeit, Lebenserfah­rung und die ausgeprägte Gabe, dieses Amalgam bei jeglicher Schilderung der menschlichen Komödie durchscheinen zu lassen, dann hat man die Schriftsteller­in Sybille Bedford vor sich, so wie sie dem Leser jetzt in ihrer Gerichtsreporta­ge aus dem Jahr 1963, „Jagd auf einen Lebemann – Der Prozess Dr. Ward”, er­neut strahlend entgegentritt. Gerade zweiundfünfzig, hatte sie ihre einzige Ehe (eine Alibi-Verbindung mit dem homosexuellen Nachtklubangestellten Walter ,,Terry” Bedford, die es ihr 1935 erlaubte, ihre deutschen Papiere samt Auf­Iistung ihrer jüdischen Vorfahren gegen englischen Pass einzutauschen) lange hinter sich, hatte nach Jahren der Wanderschaft London zu jenem Hafen erkoren, in den sie von ihren Reisen zurückkehrte.

Als Autorin hatte sie sich bereits einen Namen gemacht. Nach dem aus Mexico mitgebrachten elegant-leichtfüssigen Debut ,,A Visit to Don Otavio” (Zu Besuch bei Don Otavio) und dem leuchtenden Erinnerungsband ,,A Legacy“ (Ein Vermächtnis) erschien just im Jahr des Ward-Prozesses ihr drittes Buch, ,,A Favourite of the gods“ (Ein Liebling der Götter). Und auch der Gerichtssaal war kein Neuland für sie. Davon, dass dieser keineswegs immer ein Ort der Wahreitsfindung ist, war sie überzeugt, seit sie 1957 dem Verfahren gegen den wegen mehrfachen Mordes angeklagten englischen Arzt John Bodkin Adams beigewohnt hatte. Später sollte sie noch dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt beiwohnen, und sie war in Dallas zugegen, als Jack Ruby wegen der Ermordung des Kennedy-Attentäters Lee Harvey Oswald zum Tode verurteilt wurde. Davon, dass diese ausgeprägte und schonungslose Beobachterin ihrer selbst auch eine glänzende Beobachterin, anderer war, legen all ihre Bücher beredt Zeugnis ab.

Nicht nur als Schriftstellerin, welche die entscheidenden Auftritte und Wen­dungen des Prozesses gekonnt zu schil­dern vermag, sondern vor allem aufgrund ihrer Unvoreingenommenheit, Neugierde and Menschenkenntnis war Sybille Bed­ford in den späten Julitagen 1963 eine Prozessbeobachterin, von der ein Ange­klagter wie Jörg Kachelmann heutzutage nur traümen kann. Beschuldigter im Hauptverhandlungssaal des Londoner Old Bailey war Doktor Stephen Ward, Osteopath mit prominentem Patientenstamm, Künstler und Lebemann. Anders als Richter, Staatsanwalt und Geschworene­ nahm sie nicht gleich Anstoss am „ab­wechslungsreichen” Privatleben des Angeklagten. Bedford betrachtet des darge­botene Schauspiel mit der Klarheit eines Theaterkritikers, wenn sie festellt: „Der Zeugenstand ist kein gemütlicher Ort, and er bringt persönliche Qualitäten nur selten zum Vorschein, aber ich glaube nicht, dass er etwas hervorbringt, was nicht schon vorhanden ist”

Den Hintergrund des Prozesses bilde­te die legendäre Profumo-Affäre, in wel­cher der britische Kriegsminister darüber stürzte, dass er zur selben Zeit wie der sowjetische Marineattache Jewgenij Iwanow eine Affäre mit dem Fotomodell Christine Keeler unterhielt. Nachdem Profumo im Juni 1963 von all seinen Äm­tern zurückgetreten, aber das Land gera­de erst so richtig auf den Geschmack des Skandals gekommen war, geriert Stephen Ward in den Fokus erst der nach einem Südenbock suchenden Öffentlichkeit, dann der Justiz. Ward hatte Keeler an jenem ausnehmend heissen Sommerwo­chenende des Juli 1961 mit nach Clive­den gebracht, wo sie in gehobener Gesell­schaft wie der des Kabinettsmitglieds Lord Astor nackt am Swimmingpool Be­kanntschaft mit Profumo machte. Nach­dem Ward auch als Bekannter Iwanows im Unterhaus von sich reden gemacht hatte, war er wie Bedford schreibt, im Sommer 1963, ,,vorsichtig ausgedrückt, verfemt and in Ungnade gefallen“.

Am 22. Juli wird zum Auftakt die An­klage wegen Zuhälterei verlesen. Der Staatsanwalt Mervyn Griffith-Jones bringt seine ganze Erfahrung aus dem ,,Lady Chatterley”-Verbotsprozess mit ein und verwendet etwa, wie Bedford konstatiert: ,,während des ganzen Prozess­ das Wort Geschlechtsverkehr“; den missbilligenden Ton kann man sich dazudenken. Die Beobabachterin erfasst das Problem des Prozesses gleich zu Be­ginn: ,,Um jemanden zu verurteilen, weil er ganz oder teilweise von sittenwid­rigen Einkünften gelebt hat, kommt es weniger darauf an, ob tatsächlich Geld den Besitzer gewechselt hat: in erster Linie­ muss festgestellt werden, ob die be­treffende Frau Geld in sittenwidriger Weise verdient hat. Kurzum, es muss nachgewiesen werden, das sie eine Prostituierte ist`.

Sybille Bedfords Tugenden, ihr ausgeprägter und nie moralinsaurer Gerechtigkeitssinn, ihre selbstbewusste Unange­passtheit, ihre unverkrampfte Wertschätzung der sinnlichen Freuden des Lebens, zeichnen diese Gerichtsreportage aus, die zur Feier ihres heutigen hundertsten Geburtstags erstmals in deutscher Über­setzung erscheint. Zur Tragik des Falls in­des gehört, dass der Angeklagte nicht mehr lesen konnte, wie sehr die Frau, mit der er am Ende des Ietzten Gerichts­tags ein Taxi teilte, auf seinen Seite war: Stephen Ward beging in der Nacht Selbst­mord.